Nach dem tragischen Unfall mit Pitbulls in Oberglatt ZH vom 1. Dezember 2005, bei dem ein Knabe zu Tode gebissen wurde, sind die Halter von Pitbulls und weiteren sogenannten Kampfhunden im Kanton Zürich verpflichtet, ihre Tiere mit Maulkorb und angeleint auszuführen. Frau V hat mit ihrem Pitbull-Rüden Ares einen intensiven Wesenstest abgelegt und darf Ares nun auch ohne Maulkorb und Leine spazieren führen. Für die «Tierwelt»-Leser erzähltsie von ihren Erfahrungen.
Frau V, Ihr Ares ist ein hell- und dunkelbraun gestromter, dreijähriger Pitbull, 32 Kilo schwer und der beste Freund Ihrer dreijährigen Tochter. Weshalb haben Sie sich für einen so genannten Kampfhund entschieden?
Ich bin mit Schäferhunden aufgewachsen, und mein erster eigener Hund sollte kinderfreundlich und verträglich mit Menschen und anderen Hunden sein. Ares stammt aus einem Zehnerwurf, er hat also seine ersten Lebenswochen in einem grossen Rudel verbracht.
Das hat ihn positiv geprägt. Durch Bekannte stiess ich auf diesen Züchter. Ares' Eltern sind amerikanischer und ungarischer Abstammung. Das erste Mal sah ich Ares im Alter von sechs Wochen. Damals war ich schwanger. Als er zehn Wochen alt war, übernahmen
wir den Rüden.
Haben Sie mit Ares Hundeschulen besucht? Wie hat Ihr Umfeld auf Ares reagiert?
Wir haben Welpenspielgruppen und Erziehungskurse besucht, aber ich habe auch selbst viel mit ihm gearbeitet. Klar, fanden die Leute den Junghund Ares herzig. Wenn sie erfuhren, dass es sich um einen Pitbull handelt, traten die meisten einen Schritt zurück und das Lächeln
gefror. Ares selbst liebt es, bestaunt und geknuddelt zu werden.
Dann geschah das Schreckliche in Oberglatt. Was ging Ihnen da durch den Kopf?
Diesen grässlichen Unfall müssen allein die Halter verantworten. Bei den Hunden handelte es sich um ein nicht sozialisiertes Rudel. Ich bin fast sicher, dass das Kind auch dann gestorben wäre, wenn die Pitbulls einen Maulkorb getragen hätten. Den hätten sie sich vermutlich gegenseitig weggerissen, oder sie hätten das Kind zu Tode getrampelt.
Als Antwort darauf hat der Kanton Zürich verfügt, dass ab Januar 2006 Ares und seinesgleichen einen Maulkorb tragen müssen und nur noch angeleint ausgeführt werden dürfen. Eine schlimme Zeit?
Ich bin mir wie ein Schwerverbrecher vorgekommen. An den Maulkorb hat sich Ares zwar gut gewöhnt, aber er hat gemerkt, dass ihm die Menschen anders begegnen. Als Ares neu zu uns kam, hat es etwa ein dreiviertel Jahr gedauert, bis alle Nachbarn akzeptiert haben, dass
wir einen Pitbull haben. Nie gab es Probleme, bis zu diesem Vorfall. Kinder, die Ares regelmässig gestreichelt haben, kriegten das plötzlich von den Eltern verboten. Natürlich habe ich mit den Kindern und auch mit deren Eltern geredet, aber die Vorurteile wurden vor allem
durch die Medien noch weiter geschürt. Ich wusste von Anfang an, dass ich es mit Ares nicht leicht haben würde, aber das war dann doch eine happige Zeit.
Seit Mai dieses Jahres können Halter von so genannten Kampfhunden im Kanton Zürich einen Wesenstest ablegen, und nach Bestehen dieser Prüfung darf sich der Hund wieder ohne Maulkorb und Leine bewegen. Sie haben mit Ares diesen Test absolviert. Bitte erzählen Sie uns davon.
Für mich war sofort klar, dass ich mich anmelden würde. Ich stellte ein Gesuch und füllte einen 13-seitigen Fragebogen aus, besorgte einen Strafregisterauszug und eine Bestätigung der Wohngemeinde, dass Ares nie auffällig geworden ist. Alles in allem habe ich 720 Franken
hingeblättert.
Der Wesenstest selbst, wurde der fair durchgeführt?
Der Test war sehr anspruchsvoll und dauerte zweieinhalb Stunden. Dass sich ein Hund während so langer Zeit voll konzentrieren muss, ist eine grosse Anforderung. Einige Beispiele: Ares wurde mit anderen Hunden konfrontiert, mit einem Stecken bedroht, musste an einem Kinderwagen mit Babygeschrei ab Tonband vorbei, wurde aus heiterem Himmel angeschrien und durfte sich von einem torkelnden Alkoholiker nicht aus der Fassung bringen lassen. Hin und wieder war es mir fast zu brutal und überrissen. Doch Ares hat seine Sache super gemacht, und am Schluss erhielt ich von den Prüfern Komplimente. Damit ist Ares von der Maulkorb- und Leinenpflicht befreit?
Genau. Er trägt jetzt eine blaue Plakette am Halsband und ich habe einen Ausweis erhalten, der bestätigt, dass mein Hund von beidem befreit ist. Diesen Ausweis muss ich stets bei mir
tragen.
Hatten Sie nie Angst um Ihr Töchterchen?
Nein, nie! Einmal bin ich von einem Polizisten angepöbelt worden, als ich mit Kind und Hund unterwegs war. Ich handle verantwortungslos, meinte er. Klar ist der Pitbull ein spezieller Hund. Man muss ihn absolut konsequent erziehen und regelmässig mit ihm arbeiten. Konzentrationsübungen sind unerlässlich, genauso wie ausreichend Bewegung. Ich wiege 46 Kilo und geriet noch nie in eine Situation, in der ich Ares nicht abrufen oder zurückhalten konnte. Wir haben eine enge Bindung, die auf Vertrauen basiert. Es kommt nicht vor, aber im Notfall könnte ich Ares und meine Tochter ohne die geringsten Gewissensbisse mal eine Minute allein lassen. Ares kennt seinen Platz in der Rangordnung sehr wohl.
Wären alle Pitbull-Halter so verantwortungsvoll, gäbe es kaum Probleme. Ihr Tipp?
Diese Art von Hund darf niemals als Waffe gehalten werden. Es ist schlimm, wenn ein 18- jähriger Kerl einen Hund auf diese Weise missbraucht. Wer unbedingt eine Waffe benötigt, soll ein Messer oder Ähnliches mit sich führen. Ein Pitbull, der einmal Blut gerochen und gebissen hat, wird mit jedem Angriff oder Kampf aggressiver.
Ein Pitbull-Verbot ist noch immer möglich, eine Spezialkommission soll bis Ende Jahr eine entsprechende Gesetzesgrundlage ausarbeiten. Davon wollen die kantonalen Veterinärdirektoren allerdings nichts wissen. Sie verlangen ein nationales Hundegesetz ohne Zucht- oder Haltungsverbote und ohne Rassen-Listen. Sie setzen voll auf Halterprüfungen.
Was wäre Ihrer Meinung nach eine sinnvolle Lösung?
Es sollten gesamtschweizerisch für jeden Hund jeder Rasse und seinen Halter die gleichen Vorschriften gelten. Also Rassenkontrolle bei der Anmeldung, Welpenspielgruppe sowie
mindestens ein Erziehungskurs. Später sollte eine Kontrolle erfolgen, die Gehorsam und Führung des Hundes überprüft. Negativ auffallende Hunde sollten einen Wesenstest und der Halter eine entsprechende Prüfung ablegen. Zur Wesenstestvorbereitung kann ich die J&JHundeschule in Dübendorf empfehlen.